Bedrohter Garten

Der Heilpflanzengarten in St. Georgen – Entwicklung, Bedeutung und Bedrohung 

Vor 14 Jahren hatten eine Gruppe von Schülerinnen und Freunden der Freiburger Heilpflanzenschule das Angebot von Dietrich Erichsen, dem damaligen Geschäftsführer der Zechenweg GbR, angenommen, auf dem brachliegenden und ungepflegten 3.000 m² großen Gelände am Zechenweg in St. Georgen einen Heilpflanzengarten anzulegen. Sie gründeten dazu den gemeinnützigen Verein Achillea e.V. Im Gegenzug für die Nutzung des Geländes wurden die Übernahme der Pflege und eine traditionelle und symbolische Pacht in Form eines Pachtkorbes aus den Erträgnissen des Gartens vereinbart. Der Pachtkorb wurde seither jeweils an Martini (11. November) an die Besitzer überreicht. Zur Bewirtschaftung des Gartens wurde dem Verein zudem Zugang zu dem Wasser aus dem Zechenstollen und zu Strom aus dem Albertus-Magnus-Haus bereitgestellt. 

Klar war: Der Garten soll nach biologischen Gesichtspunkten betrieben werden, er soll natürlich bleiben, mit angelegten und mit Wildbereichen und er soll allen Besuchern und Freiwilligen offen stehen. Er soll der Wissensvermittlung dienen, die Heilkraft der Natur aber auch direkt erfahrbar machen. 

Was ganz harmlos begann, wurde bald zu einem phantastischen Abenteuer, bei dem die ehrenamtlichen Gartenhelfer sehr viel lernen durften. Und wer glaubt, ein Stück Land habe keinen Einfluss darauf, was aus ihm werden soll, der irrt gewaltig.  

Wie in den meisten Heilpflanzengärten üblich, wurde damit begonnen, sogenannte Themenbeete anzulegen. Da werden dann Heilpflanzen mit den unterschiedlichsten Standortanforderungen (feucht, trocken, schattig, sonnig, lehmig, mager, sandig, steinig etc.) gezwungen, sich einen gemeinsamen Standort zu teilen, eingeteilt nach ihrer Wirkung gegen die unterschiedlichen Krankheiten und Leiden, z. B. Magen-Darm, Leber-Galle, Nerven-Psyche, Lunge, Frauenthemen u.s.w..  

Einige Heilpflanzen hatten dafür jedoch kein Verständnis und ganz eigene Vorstellungen. Sie büchsten aus. So stellte sich heraus, dass Pflanzen durchaus in der Lage sind, zu wandern. Sie machen das eben nur etwas anders als wir. Ein Beispiel: Die Wegwarte im Leber-Galle-Beet mickerte ein, zwei Jahre und zog sich schließlich ganz zurück. Dafür entschied sie sich, 2 m weiter auf dem mit Schotter und Kies dicht verfestigten Besucherplatz zu wachsen. Aus der ca. 80 cm hohen Pflanze im Beet wurde so eine kleine Ansammlung gigantischer Wegwarten von über 2 m Höhe. Die Besucher müssen und können um diese kleine Insel aus Wegwarten jetzt bewundernd herumgehen und die Gärtner lernten, die Wünsche der Pflanzen zu respektieren und mit zu berücksichtigen. 

Seither wurde mehr auf die Standortbedürfnisse der Pflanzen geachtet und es wurden unterschiedliche Standortbereiche angelegt, ein schattiger Waldbereich, halbschattige Waldrand- und Heckenbereiche, Trockenzonen, Feuchtgebiete, Sumpfbereich, Magerbeete, Sandflächen, Kiesbereiche, Schotterbeete und vieles mehr.  

Es entstand eine Vielfalt an Pflanzen-Lebensräumen. Und wen wundert es, dass sich zu den Pflanzen rasch eine zunehmende Vielzahl an Tieren gesellte. Den Läusen folgten die Marienkäferlarven, den Käfern folgten die Vögel, dem Wasser im Teich folgten die Grasfrösche und Erdkröten, deren Kaulquappen folgten die Libellenlarven und Molche, den Molchen folgte die Ringelnatter, den Brennnesseln folgten die Schmetterlinge, den Sonne liebenden Insekten folgten die Zauneidechsen, den abendlichen Insekten folgten die Fledermäuse.  

Und die Teilnehmer der Heilpflanzenschule, die Schulklassen, die Ferienkinder des Abenteuerhofs, die Seniorengruppen, die Mitglieder des Scharzwaldvereins und die vielen anderen Besucher staunten, waren entzückt und freuten sich. Mit den Jahren hat sich das Gelände zu einem „Geheimtip“ für Heil- und Naturinteressierte entwickelt.  

Irgendwann folgte dann eins dem anderen und der Achillea e.V. mit seinem Heilpflanzengarten wurde durch die Vereinten Nationen im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt für seine Erfolge um den Erhalt der biologischen Vielfalt als beispielhaftes Projekt ausgezeichnet – als erstes Projekt in der Stadt Freiburg.

In praktisch allen Punkten entspricht der Achillea-Garten inzwischen dem idealen Naturgarten wie er in einem Prospekt des Umweltschutzamts der Stadt Freiburg von 2012 beworben wurde. 

Doch offensichtlich gefällt nicht allen, dass da direkt neben dem Bauerwartungsland auf dem Zechengelände ein beispielhaftes Biotop erster Güte entstanden ist. Zusätzlich zu dem sowieso schon unmittelbar angrenzenden Vogelschutz- und FFH-Gebiet.  

Obwohl der Achillea e.V. noch eine rechtsgültige Pachtvereinbarung bis mindestens Ende 2018 hat, wurde unter massivem Druck und mit rechtsanwaltlicher Androhung einer Räumungsklage seit November 2017 versucht, ihm einen neuen Pachtvertrag mit Wirkung ab 01.01.2018 aufzuzwingen. Dieser beinhaltet neben einer hohen Pachtzahlung nun unter anderem auch eine jederzeit kurzfristig mögliche Kündigung und die Verpflichtung, das gesamte Biotop bei erfolgter Kündigung zu zerstören und alles Platt zu machen. Mehrere schriftliche Bitten des Achillea e.V. um ein Gespräch mit den Verpächtern wurden bisher nicht beantwortet. Angebote zu einem fairen Pachtvertrag wurden ignoriert. Ein Grund für das rabiate Vorgehen wird nicht genannt und lässt viel Raum, für Spekulationen. 

Möglicherweise erscheint den neuen Geschäftsführern der jetzt als Zechenweg GmbH firmierenden, verbliebenen Erbengemeinschaft der Naturschutz auch als Bedrohung für eine erhoffte Vermarktung und umfängliche Bebauung des Zechengeländes. Möglicherweise soll im grünen Freiburg, und nicht nur im fernen brasilianischen Urwald, die für unser aller Zukunft unverzichtbare biologische Vielfalt und intakte Natur dem Gewinnstreben weniger geopfert werden. 

Aber: Kleine gallische Dörfer gibt es überall. Dieses nennt sich Achillea-Garten, genannt nach der Schafgarbe, einer der magischsten und mächtigsten heimischen Heilpflanzen. Die Mitglieder des Vereins wollen diese Respektlosigkeit gegenüber den ehrenamtlichen Helfern und Lieblosigkeit gegenüber der Natur nicht hinnehmen. Quasi im Auftrag der Schafgarbe und der über 200 verschiedenen anderen Heilpflanzen, im Auftrag all der schützenswerten Tiere, die in den vielfältigen Lebensräumen des Achillea-Gartens eine Zuflucht gefunden haben, im Auftrag all derer, die die Stille, Magie und Heilkraft des Gartens kennen und schätzen gelernt haben.  

Wer den Achillea-Garten erfahren und kennen lernen möchte ist herzlich eingeladen, an den regelmäßigen Führungen teilzunehmen oder an den Samstag Nachmittagen einfach vorbeizuschauen oder mitzuwerkeln. Wer den Erhalt des Gartens unterstützen möchte kann Mitglied des gemeinnützigen Vereins werden, für den Erhalt des Gartens spenden oder werben oder einfach positive Gedanken schicken.